{"id":20,"date":"2012-03-05T18:40:24","date_gmt":"2012-03-05T17:40:24","guid":{"rendered":"http:\/\/johannasmiatek.com\/new\/?page_id=20"},"modified":"2015-08-30T23:32:20","modified_gmt":"2015-08-30T21:32:20","slug":"texte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/texte\/","title":{"rendered":"Texte"},"content":{"rendered":"<p><\/p>\n<p><a name=\"top\"> <\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#gisbourne\"><strong>MARK GISBOURNE<\/strong>: Ruhelosigkeit und der Humor des Begehrens (Die tragikomische Dingwelt der Johanna Smiatek), August 2008<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#stoeber\"><strong>MICHAEL STOEBER<\/strong>: Wer bin ich? (Zum Werk von Johanna Smiatek), August 2012<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"gisbourne\"> <\/a><\/p>\n<p><strong>MARK GISBOURNE <\/strong><br \/>\n\t<strong>Ruhelosigkeit und der Humor des Begehrens <\/strong><br \/>\n\t(Die tragikomische Dingwelt der Johanna Smiatek) <\/p>\n<p>\tAuf den ersten Blick ist ein komisch-tragisches Objekt etwas, das scheinbar jenseits jeglicher Tr&ouml;stung liegt. Niedergeschlagen steht es alleine und spricht nur f&uuml;r sich selbst in einem Zustand betr&uuml;bter Entr&uuml;cktheit. Das eigentliche Dasein des Objekts, also dessen Bedeutung und Gebrauchswert, bleibt unbeachtet oder wird von der Welt weitgehend verschm&auml;ht. Es bleibt einfach ein vertrautes Ding, besetzt von einem Fehlen der Funktion und\/oder einer Missachtung des Gebrauchswertes. Aber durch einen sch&ouml;pferischen menschlichen Eingriff kann sogar das regloseste der trostlosen Objekte magisch transformiert werden und nach menschlicher Achtung aufschreien. Dies, so scheint es, ist die hingebungsvolle Aufgabe der Skulptur- und Objekt-Macherin Johanna Smiatek. Sie nimmt, was wir als allt&auml;gliche Objekte und deren Eigenschaften ansehen, und verhilft diesen durch ihren Witz und Humor zu einer erweiterten Bedeutung in der menschlichen Vorstellung. Smiatek transformiert Objekte im wahrsten Sinne des Wortes, erfindet oder erschafft sie und formuliert zugleich konsequent die M&ouml;glichkeit unterschiedlicher Abfolgen gef&uuml;hlter Ergebnisse und Erfahrungen. In der von der K&uuml;nstlerin bevorzugten sachlichen Verwendung von Objekten oder Objekt-Skulpturen, &uuml;bernimmt eine ironische und\/oder bissige Art von Humor ganz klar die Hauptrolle. Wie Sokrates schon beobachtet haben soll: &bdquo;Das Komische und das Tragische sind so untrennbar miteinander verbunden wie Licht und Schatten&rdquo;. Oder, wie die Surrealisten einst in ihrem Pl&auml;doyer zur Umwandlung vorgefundener Gegenst&auml;nde argumentierten (in dem sie ihre entfernten Realit&auml;ten zusammenbringen): Sie k&ouml;nnen durch poetische Fantasie verwandelt werden, was in dem jetzt oft gebrauchten Zitat zum Ausdruck kommt &bdquo;sch&ouml;n wie die zuf&auml;llige Begegnung eines Regenschirms und einer N&auml;hmaschine auf einem Seziertisch&rdquo;.<a href=\"#anm1\" title=\"zu Anmerkung 1\"><sup>1<\/sup><\/a><sup><a name=\"anm1back\"><\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die K&uuml;nstlerin Smiatek n&auml;hert sich dieser Komi-Tragik der Objekt-Welt auf eigenen, deutlich verschiedenen Wegen, weitgehend basierend auf einer typischen Sprache der entzogenen Gebrauchsf&auml;higkeit, und es ist vielleicht nur dieser Aspekt, in dem wir bestimmte Verwandtschaften zu den Surrealisten finden. Smiateks Arbeiten und Installationen beinhalten halbmotorisierte- und Windobjekte, die sich mit Bez&uuml;gen zur kinetischen Kunst besch&auml;ftigen. Ihre indirekten Blicke f&uuml;hren zu neuen Verst&auml;ndnissen von Wahrnehmungen, w&auml;hrend ihre Wandgrafiken mit sprachlicher Verschiebung und zeichentheroretischen Informationssystemen spielen. Ihre Werkgruppe <em>Doggy Doggies<\/em>, ein an Witz und Anspielungen reiches Ensemble von Objekten, kitzelt die Eitelkeiten des zeitgen&ouml;ssischen Modekonsums heraus. Wichtig ist es, ihre motorbetriebenen und windbasierenden Arbeiten nicht nur als sp&auml;te Ausl&auml;ufer der Kinetic Art und Op Art zu verstehen.<a href=\"#anm2\" title=\"zu Anmerkung 2\"><sup>2<\/sup><\/a> <a name=\"anm2back\"><\/a>Der materielle Zustand der Objekte wird nie zugunsten von Trickeffekten oder verzerrten Wahrnehmungen aufgel&ouml;st, auch sind ihre Objekte nicht willk&uuml;rlich oder zuf&auml;llig zusammengef&uuml;gt, wie es bei den Surrealisten &uuml;blich war. Eher greift sie in die Welt der Dinge ein, eignet sich diese an und leitet deren Funktionen und fr&uuml;here Identit&auml;ten um. Smiatek versetzt die Objekte in einen alternativen Zustand und belebt diese wieder, indem sie f&uuml;r sie ein neues &auml;sthetisches Leben erschafft, losgel&ouml;st vom blo&szlig;en Gebrauch. Und dies ganz gleich, ob sie die eigentlichen Objekte selbst erschafft, oder sie aus bereits vorgefundenen Objektsituationen nachempfindet.<\/p>\n<p>In den motorisierten Arbeiten wie beispielsweise <em>Bar<\/em> (2008) zittern ein Getr&auml;nkeschrank und Gl&auml;ser, sobald ein Betrachter einen Bewegungsmelder ausl&ouml;st, w&auml;hrend er sich n&auml;hert. Dieses Prinzip der Zuschauer-Interaktivit&auml;t ist ein zentrales Merkmal vieler Objekt-Skulpturen Smiateks. Der Gebrauch von Sensoren als Ausl&ouml;ser gibt den Objekten ein m&ouml;gliches Leben, bringt g&auml;ngige Begriffe von N&uuml;tzlichkeit und unsere vertrauten Erfahrungen mit den Objekten aus dem Gleichgewicht. Bereits in fr&uuml;hen Arbeiten wie <em>Die Eindringlinge<\/em> (2002) oder <em>Die Nacht davor <\/em>(2004) sind Motorantrieb und sensorgesteuerte Vibration ein kontinuierliches Merkmal ihres k&uuml;nstlerischen Werkes. In <em>Die Eindringlinge<\/em> wurde ein schmaler korridor&auml;hnlicher Raum genutzt. An Drahtseilen aufgeh&auml;ngte rote Filzm&uuml;tzen bewegten sich umher, ausgel&ouml;st durch einen Sensor au&szlig;erhalb des Raumes. Die Nacht davorwar eine Installation in einem schmalen Kellergang. Drei Billardkugeln, die auf einer h&ouml;lzernen mit Filz bezogenen Ablage platziert waren, rotierten unwillk&uuml;rlich um ihre eigenen Achsen. Sie wurden begleitet von aus Silikon gegossenen Billardqueues, die in ihrem Wandgestell vibrierten. Das Geschehen wurde durch versteckte Bewegungsmelder ausgel&ouml;st, sobald jemand &uuml;ber die Treppe ins Kellergeschoss ging. Eine ganze Reihe von Ideen wurden aus diesem Prinzip oder dieser Arbeitsweise heraus entwickelt. Erstens kam es dort zu einer doppelten Verschiebung, n&auml;mlich sowohl die der Objekte als auch die ihrer Funktion. Zweitens, wurde der Effekt gleichfalls verdoppelt und r&auml;umlich verlagert, denn die Situation war zus&auml;tzlich durch eine Kamera wahrnehmbar, deren Bild man im ersten Stock des Ausstellungsraumes verfolgen konnte. Hierdurch wurde der Betrachter zeitgleich r&auml;umlich verschoben. Ein weiterer Aspekt stellt Ger&auml;usche dar, da der Vorgang eigens h&ouml;rbar gemacht wurde. Die Rolle der sich selbst erzeugenden Ger&auml;usche ist f&uuml;r Smiatek sehr wichtig. Und letztendlich, muss das Werk als eine interaktive Installation verstanden werden, bestehend aus einzelnen Elementen eines gesamten Erlebnisses. Die Rolle der interaktiven Installation und Ausstellung ist ein wichtiger Faktor, nicht zuletzt durch den Gebrauch von Sensoren wird das Wortspiel &lsquo;sensorisch&rsquo; fast literarisch und entwickelt sich zu einem Feld von vielfachen Sinneserfahrungen.<\/p>\n<p>Es ist nicht &uuml;berraschend, dass Smiatek nicht nur an wahrnehmungstheoretischer Auseinandersetzung interessiert ist, sondern durch ihren mathematischen Hintergrund ein spezielles Interesse an geometrischen Objekten, Achsenrotationen und symmetrischen Ausrichtungen hat. Objekte sind Dinge in der Welt, und obgleich sie der Psychologie unserer Wahrnehmung unterworfen sind, bleiben sie in erster Linie einmal materielle Existenzen. Das hei&szlig;t, man darf nicht die komplexe Schnittstelle zwischen der Welt der Wissenschaft, Technologie und &auml;sthetischer Empfindungen vergessen, die von mathematischen Anschauungen beherrscht wird. In Smiateks Arbeit <em>Oh cet echo <\/em>(2006), wird ein komplexes Beziehungstheater in Hinsicht auf Selbstliebe und rhetorischer Verblendung erzeugt. Basierend auf dem Mythos &lsquo;Narziss und Echo&rsquo; in der Fassung Ovids, ist ein mit schwarzem Samt verkleidetes Regal mit Kasten und Spiegel installiert, in dem ein Sprachrekorder mit einem Schalter verbunden ist.<a href=\"#anm3\" title=\"zu Anmerkung 3\"><sup>3<\/sup><\/a> <a name=\"anm3back\"><\/a>Das Aufnahmeger&auml;t nimmt die Sprache der letzten zehn Sekunden des Spiegel-Betrachters auf, bevor diese wieder gel&ouml;scht wird. Offenkundig ist zun&auml;chst die literarische Symbolik des Spiegels als eines Instruments narzisstischer Selbstbetrachtung und des sich verlierenden Tons als Echos Dahinschwinden. Doch bei eingehender Betrachtung offenbart die Arbeit eine enorme thematische Vielschichtigkeit, der auch Jacques Derrida in seinem Seminar und Filmprojekt &lsquo;Echo und Narziss&rsquo; auf den Grund gegangen war. Was Derrida problematisierte, war das Verh&auml;ltnis zwischen dem Bild des Spiegels und der Stimme als &lsquo;Sprechakt&rsquo;, zwischen Sehen und Sprechen, zwischen dem Echo als &uuml;bereinstimmender Wiederholung und Aneignung (Narziss selbst spricht nie) und dem Spiegelbild als Form der Selbstverblendung, denn man sieht sich nie wirklich selbst &ndash; daher befindet sich diese Pr&auml;senz (gerade zu sich selbst) immer in einem zwiesp&auml;ltigen Zustand.<a href=\"#anm4\" title=\"zu Anmerkung 4\"><sup>4<\/sup><\/a> <a name=\"anm4back\"><\/a>Wie in vielen anderen Arbeiten Smiateks k&ouml;nnen Dinge auch ausgetauscht werden und erweitern sich somit als Idee durch jede einzelne Installation. In einer Variante derselben Arbeit bezog sie eine Gouache-Zeichnung auf Papier namens <em>Swimming Pool <\/em>(2003) mit ein, vielleicht um anzudeuten, dass die Sch&ouml;nheit &ndash; genau wie im Mythos &ndash; auf dem Wasser (oder Spiegel) selbst liegt und dass sie nicht nur ein substanzloses Flimmern an seiner Oberfl&auml;che ist. In der Tat bilden Zeichnungen f&uuml;r Smiatek einen wichtigen selbst&auml;ndigen Bestandteil bei der Entwicklung von Ideen. Manchmal werden sie unmittelbar f&uuml;r die Realisierung eines Projektes verwendet, ein anderes Mal sind sie die Basis f&uuml;r die Entwicklung von nachfolgenden Ideen.<\/p>\n<p>Bilder und T&ouml;ne, Sehen und H&ouml;ren, der Blick und seine Leugnung greifen im Werk von Johanna Smiatek h&auml;ufig eng ineinander. Vor allem gilt das f&uuml;r jene Arbeiten, die die K&uuml;nstlerin &lsquo;indirekte Blicke&rsquo; nennt. Ein fr&uuml;hes Beispiel daf&uuml;r ist <em>Zur sch&ouml;nen Aussicht <\/em>(2002), bei der aus einem Fenster aufgenommene Fotografien, in Guckk&auml;sten installiert, durch verschiedene Linsen zu sehen waren. Die Bilder zeigten Gartenzwergversammlungen und -begr&auml;bnisse, einen seltsamen Koffer, etwas makabre rote Schuhe und angedeutete Mordszenen im Innern der beleuchteten Guckk&auml;sten. Obwohl &uuml;beraus komisch, spielten auch diese Bilder perfekt mit dem schon erw&auml;hnten sokratischen Paradoxon des Komischen, das ins Tragische kippt. Etwa zur gleichen Zeit entstand die Arbeit <em>Auf Reisen<\/em> (2002), ein kleiner, innen mit Stoff verkleideter Koffer mit eingelassenem Spion, durch den man eine miniaturisierte Zimmereinrichtung mit Bett sah. In der Arbeit bezieht sich offensichtlich beides, sowohl der Begriff des Koffers oder der Reisetasche, als auch das voyeuristische Prinzip des versteckten Blicks, auf Duchamps &lsquo;Bo&icirc;te en Valise&rsquo;.<a href=\"#anm5\" title=\"zu Anmerkung 5\"><sup>5&nbsp;<\/sup><\/a><sup><a name=\"anm5back\"><\/a><\/sup> <br \/>\n\tDie ein&auml;ugige Peepshow oder der Blick durch den Spion wurden sp&auml;ter in der F&auml;cher-Arbeit <em>Mata Hari <\/em>(2004) wieder aufgenommen, in der ein Spion im Griff des F&auml;chers eingebaut wurde. Mit diesem F&auml;cher kann die Verdopplung des Blicks ausge&uuml;bt und die Blickverl&auml;ngerung aufrechterhalten werden, egal, ob der F&auml;cher ge&ouml;ffnet oder geschlossen ist. Die K&uuml;nstlerin deutet mit diesem &lsquo;Doppel&rsquo; nochmals den Entweder\/Oder-Sinn der Objektfunktion an. Es ist das Spiel &lsquo;Du siehst mich, Du siehst mich nicht&rsquo;. Gemeinsam ist vielen Objekt-Skulpturen Smiateks, dass sich wiederholende Rollenmuster und Funktionen in ihr Gegenteil umkehren.<\/p>\n<p>Eine weitere Werkgruppe befasst sich in anderer Hinsicht mit dem Blick als solchen. Diese Arbeiten beinhalten die Idee vibrierender Spiegel, die nicht nur den Akt des Hinsehens destabilisieren, sondern auch den Vorgang der Reflektion als solchen herausfordern. Eine der Spiegelinstallationen hat den eigenwilligen Titel <em>Paris, oder wie eine G&ouml;tterspeise auf Beinen <\/em>(2007). &lsquo;Paris&rsquo; bezieht sich auf den Geliebten von Helena, und &lsquo;G&ouml;tterspeise auf Beinen&rsquo; ist die Parodie auf Jack Lemmon&acute;s Monroe-Zitat in &lsquo;Manche m&ouml;gen&acute;s hei&szlig;&rsquo;. Und, nicht zu vergessen, ist hier die Wirkung einer konstanten Verdopplung oder Vervielfachung des erfahrenen Bildes beim Hineinschauen in den vibrierenden Spiegel. Somit erfahren wir das gleiche &lsquo;Doppel&rsquo; oder die verdoppelnde Tendenz, die wir vorher beobachtet haben. Das mag der Grund daf&uuml;r sein, dass Smiatek dies &lsquo;Doppel&rsquo; zu einer logischen Schlussfolgerung in ihrer neueren Arbeit <em>Paravent <\/em>(2008) weitergef&uuml;hrt hat. Diese Arbeit ist wortgetreu ein &lsquo;zwei-Wege-Spiegel&rsquo;, in einem vierteiligen gerahmten wandschirm&auml;hnlichen Arrangement. Zweifelsohne, Bezug nehmend auf den Gebrauch des Spiegels in &lsquo;Echo und Narziss&rsquo;, wird hier die Einstellung zum Spiegelbild als einer Form der Selbstverblendung immer komplexer und zeigt nochmals wie unsere Spiegelreflexion durch das Abbild die wahre Natur des Selbst vort&auml;uscht. Bei all dem sollte man nicht vers&auml;umen, auf die geistreiche Ironie und die witzigen Aspekte hinzuweisen, die diese Arbeiten entfalten und die sich als Leitmotiv durch das Werk der K&uuml;nstlerin ziehen.<\/p>\n<p>Das Zusammenwirken von Motorisierung und Wind ist ein weiterer wichtiger Aspekt in den Objektarbeiten Smiateks. Aber gleichzeitig besteht ein Unterschied zwischen den Arbeiten, die vom Betrachter meist unbewusst ausgel&ouml;st werden, und solchen, die eine bewusste Teilnahme oder Entscheidung mit einbeziehen. In Installationen wie <em>Perlon Movie<\/em> und <em>Verborgenes<\/em> (beide 2002) befinden sich die Bewegungsmelder au&szlig;erhalb des Raumes oder Ortes, in dem das Ereignis stattfindet. Die Arbeit <em>Perlon Movie<\/em> ist ein mit rosa Neonlicht erhellter Raum mit schwebenden Perlonstr&uuml;mpfen, die quer durch das Schaufenster wandern und in einer Wand verschwinden, nur um danach wiederzuerscheinen. Bei der Arbeit Verborgeneshaben wir eine innenliegende Abstellkammer, an deren oberen kleinen Fenster&ouml;ffnung ein Vorhang angebracht ist, der sich bewegt, sobald ein versteckter Ventilator von einem Bewegungsmelder ausgel&ouml;st wurde. Zu dieser Idee ist Smiatek k&uuml;rzlich in ihrer Arbeit <em>Kabine &ndash; Blow Up<\/em> (2007) zur&uuml;ckgekehrt, bei der eine geschlossene quadratische Stoffkabine von der Decke bis zum Boden des Ausstellungsraumes h&auml;ngt und ebenfalls in Bewegung ger&auml;t, sobald der Mechanismus an einer Seite der Installation ausgel&ouml;st wird. Wie fast alle ihre Installationen wird auch diese von einer feinen Zeichnung begleitet. Was sich aus all diesen Arbeiten erschlie&szlig;t, ist die Theorie der &Uuml;berraschung. Es passiert Unerwartetes, wenn sich der Betrachter ihnen unvermittelt n&auml;hert. Hier bedarf es einer Unterscheidung zu den Arbeiten, die eine aktivere Form der Mitwirkung voraussetzen. In den Arbeiten <em>Dog Days I<\/em> und <em>Dog Days II<\/em> (2007) wird ein Gitter-Ventilator verwendet, bei dem man im ersten Fall durch einen herabh&auml;ngenden seidenen Vorhang gehen muss und dabei den aufw&auml;rts ziehenden Luftzug sp&uuml;rt, bevor man den n&auml;chsten Ausstellungsraum betritt. Im zweiten Fall ist der Gitter-Ventilator in einen eigens gebauten Korridor eingelassen, und man f&uuml;hlt den, von einem Bewegungsmelder ausgel&ouml;sten Aufwind &agrave; la Marilyn Monroe. Das Motiv f&uuml;r den Titel dieser Arbeit scheint nicht sofort klar. Die Bezugnahme auf die &lsquo;Hundstage&rsquo; ist die zu jenen Tagen des Sp&auml;tsommers, an denen man in ein Stadium der physischen Lethargie und des emotionalen Stillstands verf&auml;llt. Ihr Ursprung liegt in der klassischen Antike und altert&uuml;mlichen zyklischen Astronomie.<a href=\"#anm6\" title=\"zu Anmerkung 6\"><sup>6 <\/sup><\/a><sup><a name=\"anm6back\"><\/a><br \/>\n\t<\/sup><\/p>\n<p>Offensichtlich bei fast allen Arbeiten Smiateks ist das Wesen dessen, was man unter H&auml;uslichkeit versteht und was den von ihr verwendeten Gegenst&auml;nden anhaftet. Und in letzter Zeit gab es eine Entwicklung des femininen Aspekts der Dinge, die ihren Objekten beigef&uuml;gt sind. W&auml;hrend ihre aus Silikon gefertigten &rsquo;roten Schuhe&rsquo; fr&uuml;her in der Installation <em>Schuhflimmern<\/em> (2002) aufgetreten sind, in der sie auf quadratischen wei&szlig;en Platten in einem Gitter-Arrangement platziert waren und zum Zittern gebracht wurden, ist Smiatek in einer neueren Arbeit zu diesem Thema zur&uuml;ckgekehrt. In dieser sp&auml;teren Installation wurden die Schuhe in eine Richtung weisend auf einer erh&ouml;hten Plattform angeordnet, so als w&uuml;rden sie auf einem Laufsteg vorw&auml;rts schreiten. Rote Schuhe haben nat&uuml;rlich eine lange Reihe von ikonenhaften Assoziationen in der Popul&auml;rkultur, nicht nur von der Hans Christian Andersen Erz&auml;hlung ausgehend, von der sie vermutlich abstammen, sondern auch durch ihre Rolle in bekannten Filmen.<a href=\"#anm7\" title=\"zu Anmerkung 7\"><sup>7<\/sup><\/a> <a name=\"anm7back\"><\/a>In der Tat ist es die Kritik am Geltungsdrang und den wahnhaften Aspekten von Lifestyle und Konsum, die bei Smiateks Haltung an erster Stelle steht. Mode und die Manipulation von Sehns&uuml;chten ist ein im Vordergrund stehendes Thema in vielen der j&uuml;ngsten Installationen der K&uuml;nstlerin. Eine Installation von Objekt-Skulpturen, genannt <em>Gel&eacute;e Royal <\/em>(2007), bringt es auf den Punkt. &lsquo;Gel&eacute;e Royal&rsquo; ist die Honigabsonderung, die von den Arbeiterbienen an die spezielle Larve, die sp&auml;tere Bienenk&ouml;nigin, verf&uuml;ttert wird und somit das einzige Instrument, das ihnen erm&ouml;glicht ihr eigenes Bienenvolk und die Honigwaben fortzuf&uuml;hren. Es ist die Bienenk&ouml;nigin, die zuk&uuml;nftige Generationen von Larven durch ihre Rolle als Eierlegerin aufrechterh&auml;lt. Das &lsquo;Gel&eacute;e Royal&rsquo; wird ausschlie&szlig;lich von der K&ouml;nigin des Bienenvolkes konsumiert, und ist der einzige Zweck, dem die Drohnen und Arbeiterbienen dienen. Der Vergleich zur heutigen Modeindustrie mit ihren Supermodels und ihrem Schwerpunkt auf Begehren und Konsum ist nahe liegend. In der Tat, der Begriff &lsquo;Bienen-K&ouml;nigin&rsquo; verweist explizit auf den zentralen Punkt eines weiblichen Systems.<\/p>\n<p>Die kapitalistische Pflege der illusion&auml;ren Sehns&uuml;chte als oberstes Gebot, um das moderne Verbrauchsverhalten zu st&uuml;tzen, zeigt sich als wichtiger und beabsichtigter Aspekt in Smiateks Installation <em>Gel&eacute;e Royal<\/em>, zu der eine Serie von Arbeiten geh&ouml;rt, die miteinander interagieren. Das Werk <em>Skyline &ndash; Indiana Rouge, Champagne Ros&eacute;, Caramel Pink, Passion Red <\/em>(2006), Teil des Themas &lsquo;Stadt der Frauen&rsquo;, zu dem die K&uuml;nstlerin gearbeitet hat, bestand aus einer Gruppe von aus Silikon hergestellten &uuml;bergro&szlig;en Lippenstiften, die vertikal angeordnet auf einer wei&szlig;en Platte eines hohen Hockers oder Sockels platziert waren. Die Lippenstifte vibrierten, sobald sich ein Betrachter dem Aufbau n&auml;herte. Der Bezug zu einer Skyline l&auml;sst unweigerlich an St&auml;dte wie New York denken und an solche Fernsehserien wie &lsquo;Sex and the City&rsquo;, die dem Betrachter automatisch in den Sinn kommen. <br \/>\n\tAbermals war ein Spiegel angebracht, hier zwischen den Beinen im unteren Bereich des Hocker-Tisches, auf dem in verschiedenen Schriftz&uuml;gen St&auml;dtenamen, wie Z&uuml;rich, London, Paris und Berlin erschienen. In diesem Beispiel intensivierte die Vibration den Gedanken an Attraktion und Begehren. W&auml;hrend dies einerseits eine humoristische Wahrnehmung der optischen Erregung ausl&ouml;st, ist es andererseits eine Art humorvolle Parodie auf den modernen Sch&ouml;nheitssalon. Luxus und Konsum, insbesondere in Relation zu Eitelkeit und Geschmack, waren offensichtlich auch in anderen Arbeiten der <em>Gel&eacute;e Royal&nbsp;<\/em>Installation enthalten. Die bereits besprochene Ventilator-Arbeit <em>Dog Day I <\/em>geh&ouml;rte ebenso dazu wie auch der vibrierende Spiegel <em>wie eine G&ouml;tterspeise auf Beinen<\/em>. Hier war der Spiegel so platziert, dass er das Tapeten-Fragment, das Smiatek von einem in <em>1913<\/em> gestalteten Muster vergr&ouml;&szlig;ert hatte, reflektierte. Der Fu&szlig;boden bestand aus Original-Bodenfliesen aus derselben Zeit. Was wir erfahren, ist eine Mixtur von Stilen, als Metapher f&uuml;r die Umformung unserer modernen kurzlebigen Geschmacksvorstellungen. In dieser Hinsicht bezeichnet der Einsatz der Vibration die unhaltbare Verg&auml;nglichkeit aller Formen von modischen Stilen, also Gegenst&auml;nde, deren eigentliche Bestimmung die Kurzlebigkeit ist und die als solche vermarktet werden.<\/p>\n<p>Die Verwendung von grafischen Wandarbeiten ist ein weiterer Bereich des Schaffens im Werk dieser K&uuml;nstlerin. Smiateks Text-Wandarbeit <em>Don&acute;t Touch <\/em>(2007) wurde mit MakeUp-Glimmer ausgearbeitet. Die Folgerung ist, w&uuml;rde es ber&uuml;hrt, w&uuml;rde es unmittelbar verschmiert werden. Der Drang zur Ber&uuml;hrung ist &uuml;berm&auml;chtig, zwangsl&auml;ufig wurde die Arbeit w&auml;hrend der Ausstellung (wie beabsichtigt) verschmiert. Der Titel ist komplexer als man sich zuerst vorstellt, und sicherlich verweist er humorvoll auf Andr&eacute; Bretons und Marcel Duchamps Internationale Surrealisten-Ausstellung in 1947. Eine Schl&uuml;sselarbeit, und zugleich Katalogumschlag, bestand aus einer k&uuml;nstlichen weiblichen Brust, die auf eine mit schwarzem Samt bezogene Auflage gesetzt war, gestaltet von Duchamp, und die man dr&uuml;cken musste, um den Katalog zu &ouml;ffnen. Die Arbeit wurde von Duchamp &lsquo;Bitte Ber&uuml;hren&rsquo; (&lsquo;Please Touch&rsquo;) genannt. Hier entdecken wir noch einmal Smiateks Vergn&uuml;gen an der Umkehrung von Ideen und ihrer fr&uuml;heren Verwendung. Diese Arbeit reflektiert au&szlig;erdem, was wir hier in Betracht ziehen k&ouml;nnten, eine gr&ouml;&szlig;ere Hinwendung zum Surrealismus in j&uuml;ngster Zeit, zumindest hinsichtlich des allgemeinen Prinzips der Zusammenf&uuml;hrung entfernter Realit&auml;ten.<\/p>\n<p>Wenn wir die Serie von Arbeiten mit dem Titel <em>Doggy Doggies<\/em> (2006-08) nehmen, finden wir nicht nur einen intensiven Humor, sondern auch ein Verspotten des Konsums und der Sucht nach aktuellen &lsquo;Mode-Marken&rsquo;. Die Text-Wandarbeit ist ein ineinander verschr&auml;nktes <em>DD<\/em>, eine scheinbare Parodie des DG von Dolce &amp; Gabbana, und die <em>Doggy Bags 1,2,3 <\/em>sind ebenfalls ironische Anspielungen auf Mode und den Konsum von Designer-Taschen. Der Umstand, dass sie aus halb verst&uuml;mmelten Stofftieren hergestellt und zu einer angeblichen Designer-Tasche zusammengef&uuml;hrt sind, deutet eine Form umfassenderer moralischer Verst&uuml;mmelung an. Eine Hunde-Tasche f&auml;hrt eine Rampe hinab, wiederum durch einen uns bereits vertrauten Bewegungsmelder ausgel&ouml;st. Indessen, in ihrem Auftreten als nunmehr eingeengte (oder beh&uuml;tete) Existenz, f&auml;hrt die Tasche von ihrer kleinen H&uuml;tte hinunter, sobald der Mechanismus von dem Sensor aktiviert wird. Das Gleichnis ist mehr als menschlich. Die wachsende besitzergreifende Vermenschlichung der Hunde-Welt, in der der Besitzer und sein Haustier nicht nur beginnen gleich auszusehen, sondern auch am selben Konsum-Lifestyle teilhaben, ist humorvoll auf der einen Seite, aber auch zutiefst beunruhigend auf der anderen. &Auml;hnliches beim Spiegel-Kreis mit zw&ouml;lf vergoldeten keramischen Hunde-N&auml;pfen inklusive Knochen (die Anzahl ist nicht zuf&auml;llig), betitelt mit <em>Doggy Doggies Food<\/em>, der andeutet, dass der luxuri&ouml;se Lifestyle-Konsum auf alle S&auml;ugetiere &uuml;bergreift. <br \/>\n\tF&uuml;nfzehn weitere gegossene Hundeknochen sind im Zentrum eines Kreises angeordnet wie bei einem kunstvoll verzierten Tischgedeck. Ein keramischer und vergoldeter Hundeknochen, genannt <em>Knochenfl&ouml;te<\/em>, erscheint in einer fein gearbeiteten mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Holzschachtel, in die ein Spiegel im Deckel eingearbeitet ist. Die Erscheinung ist nahezu die einer Reliquie, ein besonderes Objekt der Verehrung und der abstrakten Begierde. Die Erscheinung ist nahezu die einer Reliquie, ein besonderes Objekt der Verehrung und der abstrakten Begierde. Die entfernten Wirklichkeiten einer fr&uuml;heren Zeit r&uuml;cken wieder n&auml;her. Indessen haben auf einem bestimmten Niveau menschliche Wortspiele oder Scherze eine Bestimmung. Das &lsquo;doggy bag&rsquo; ist etwas, das von Restaurants angeboten wird, um Speisen mitzunehmen, die nicht konsumiert wurden. Die Arbeiten stellen ferner weitere Fragen voll ironischer Selbstreflexion zu unserem modernen Konsum von Dingen in der Welt.<\/p>\n<p>Bei aller Vielfalt des Fachthemas ist es wert festzustellen, dass sich die tats&auml;chlichen Materialien, die von Smiatek in ihren Installationen verwendet werden, in einem begrenzten Spektrum bewegen. Das, so meine ich, repr&auml;sentiert einen konzentrierten Versuch ihrerseits, eine einzigartige Ausdruckssprache zu entwickeln und beizubehalten, eine, die nicht die reine Vielfalt des heutigen materiellen Konsumverhaltens aufwertet. Auch aus diesem Grund sind es im Allgemeinen nicht Materialien von hohem Geldwert, ihr Wert entwickelt sich in und durch ihre &auml;sthetische Umgestaltung. Schon das sehr Allt&auml;gliche der Objekte f&uuml;hrt diese ins Skurrile, und es ist die Verwandlung des Banalen, die ihre Arbeit untermauert. Der Witz und Humor, mit welchem sie ihre Arbeit verfolgt, kann allerdings nicht die beunruhigende Bedeutung von Smiateks Objekt-Skulpturen &uuml;berdecken. <br \/>\n\tDer Betrachter wird in einen Zustand der selbstreflektierenden Befragung katapultiert, in einen verschobenen Sinn der Bedeutungen, herausgefordert durch die h&auml;ufig motorisierte Interaktion in den Arbeiten. Kurz gesagt, die Arbeiten erlauben wenig beschauliche Passivit&auml;t, und nat&uuml;rlich ist Humor in Verbindung mit Verf&uuml;hrung und Flirt eines der charakteristischen Prinzipien. Moderner Konsumenten-Kapitalismus ist alles andere als ein sparsamer Umgang mit Trieb und Begehren, sondern richtet sich mit den Mitteln der Verf&uuml;hrung und des Flirtens in seiner Werbung an das konsumierende Publikum. Objekte der Begierde sind die prim&auml;ren Ingredienzien dieser &Uuml;bermittlung. Das hei&szlig;t, es w&auml;re ein Fehler Johanna Smiateks Arbeit in Form einer rein negativen Kritik zu verstehen. Die K&uuml;nstlerin ist gleichzeitig fasziniert, als auch abgesto&szlig;en von den Zust&auml;nden und den Rollen, die die Dinge in der Welt heute spielen. Aber es ist wie mit allen kreativen Anstrengungen, sie sind mit Fragen verbunden und sind in aller Konsequenz beides, aneignend und erforschend, um zu sehen, welche gro&szlig;en verborgenen Bedeutungen preisgegeben werden k&ouml;nnten. <\/p>\n<p>\t&copy; Mark Gisbourne <br \/>\n\tFreitag, 1. August 2008 <\/p>\n<p>\tANMERKUNGEN <br \/>\n\t<sup><a name=\"anm1\"><\/a><\/sup> <a href=\"#anm1back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\"><sup>1<\/sup><\/a> Der Autor Comte de Lautreamont (eigentlich Isidore Lucien Ducasse, 1948-70) war ein Held der Symbolisten und Surrealisten. Das ber&uuml;hmte Zitat stammt aus dem &lsquo;Sechsten Gesang&rsquo; von Les Chants des Maldoror (1868-69). <br \/>\n\t<a name=\"anm2\"><\/a> <a href=\"#anm2back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\"><sup>2<\/sup><\/a> Zu den Unterschieden zwischen Kinetic Art und Op Art, vgl. Frank Popper, &rsquo;Origins and Development of Kinetic Art&rsquo;, Studio Vista, New York und London 1968; Joe Huston, &lsquo;Optic Nerve. Perceptual Art and the 1960s&rsquo;, Merrel, London 2007; Frances Follin, Claus Pias u. Martina Weinhardt, &lsquo;Op Art&rsquo;, Buchhandlung Walter K&ouml;nig, K&ouml;ln und London 2007, zugleich Katalog zur Ausstellung in der Frankfurter Schirn. <br \/>\n\t<a name=\"anm3\"><\/a> <sup><a href=\"#anm3back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\">3<\/a><\/sup> Publius Ovidius Naso, genannt Ovid (43 v. Chr.-17 n. Chr), &lsquo;Metamorphosen&rsquo;, Zweites Buch, Reclam, Stuttgart 1997. <br \/>\n\t<sup><a name=\"anm4\"><\/a><\/sup> <sup><a href=\"#anm4back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\">4<\/a><\/sup> Amy Ziering-Kofman und Dick Kirby, &lsquo;Derrida. Screenplay and Essays on the Film&rsquo;, Manchester University Press, 2005. Dies war das letzte Dokumentarfilmprojekt, an dem der 2004 verstorbene Begr&uuml;nder der Dekonstruktion im Jahr 2002 arbeitete. Buch und DVD erschienen nach seinem Tod. <br \/>\n\t<a name=\"anm5\"><\/a> <sup><a href=\"#anm5back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\">5<\/a><\/sup> W&auml;hrend der Koffer auf Marcel Duchamps &lsquo;Bo&icirc;te en Valise&rsquo; (1934-41) verweist, geht der Spion auf dessen Werk &lsquo;Etant Donn&eacute;es&rsquo; (1946-66) zur&uuml;ck. Vgl. Ecke Bonk, &lsquo;Marcel Duchamp. The Portable Museum&rsquo; (The Making of the Bo&icirc;te en Valise), Thames &amp; Hudson, London 1989. <br \/>\n\t<sup><a name=\"anm6\"><\/a><\/sup> <sup><a href=\"#anm6back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\">6<\/a><\/sup> Der Begriff &lsquo;Hundstage&rsquo; wurde verwendet von den Griechen (z.B. Aristoteles, &lsquo;Physik&rsquo;, 1992) und den alten R&ouml;mern (die die Tage &lsquo;caniculares dies&rsquo; nannten) nach Sirius, dem hellsten Stern des Himmels neben der Sonne. Die Hundstage waren urspr&uuml;nglich solche, an denen Sirius, der Hundestern, unmittelbar vor oder zeitgleich mit dem Sonnenaufgang aufging (heliakischer Aufgang). Aufgrund der Pr&auml;zession (Kreiselbewegung) der &Auml;quinoxe ist das heute nicht mehr der Fall. In der Antike opferte man einen braunen Hund am Beginn der Hundstage, um den Zorn des Sirius zu bes&auml;nftigen, im Glauben, dass der Stern f&uuml;r das hei&szlig;e, schw&uuml;le Wetter verantwortlich w&auml;re. <br \/>\n\t<sup><a name=\"anm7\"><\/a><\/sup> <a href=\"#anm7back\" title=\"zur\u00fcck zum Text\"><sup>7<\/sup><\/a> Andersens M&auml;rchen &lsquo;Die Roten Schuhe&rsquo; wurde erstmals 1845 ver&ouml;ffentlicht. 1948 wurde es von Michael Powell und Emeric Pressburger mit Moira Shearer, Anton Walbrook und Marius Goring in den Hauptrollen verfilmt. Eine anschlie&szlig;ende Ballettversion beruhte auf dem Film. Rote Schuhe mit Zauberkraft kommen auch im &lsquo;Zauberer von Oz&rsquo; mit Judy Garland in der Hauptrolle von 1939 vor. Kate Bush nannte ihr siebentes Album &lsquo;The Red Shoes&rsquo;, nach dem Film mit Moira Shearer.<\/p>\n<p align=\"right\"><a href=\"#top\">nach oben<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a name=\"stoeber\"> <\/a><\/p>\n<p><strong>MICHAEL STOEBER<\/strong><br \/>\n\t<strong>Wer bin ich?&nbsp;<\/strong>(Zum Werk von Johanna Smiatek)\u2028\u2028<\/p>\n<p>\tLegend&auml;r geworden ist der Satz des Schriftstellers Heiner M&uuml;ller (1929 &ndash; 1995) beim Blick auf die eigene Person in den Spiegel am Morgen. Sich seiner selbst ansichtig werdend, sprach er: &bdquo;Kenn&acute; ich nicht. Rasier&acute; ich nicht.&ldquo; Nicht immer also muss die Selbstpr&uuml;fung vor dem Spiegel in Narzissmus enden. Und wer vor Johanna Smiateks mannshohen Spiegel &bdquo;Paris&ldquo; (2009) tritt, erlebt wie von selbst eine gewaltige &Uuml;berraschung. Durch einen Bewegungsmelder ausgel&ouml;st, f&auml;ngt der Spiegel an zu zittern, als erschrecke er vor dem Menschen, den er da gerade zu sehen bekommt. Das Objekt h&auml;lt nicht mehr still und bleibt nicht mehr stumm im Werk der K&uuml;nstlerin. Sondern durch Smiateks Animation wird es in gewisser Weise zum Subjekt und damit zum Gegen&uuml;ber in einem Dialog mit dem Betrachter. In diesem Fall er&ouml;ffnet das belebte Objekt wie so oft in der Kunst der K&uuml;nstlerin einen gewaltigen Hall- und Echoraum an Referenzen. Indem der Spiegel erschrickt und erzittert und sich f&ouml;rmlich sch&uuml;ttelt vor dem sich in ihm betrachtenden Gegen&uuml;ber, l&ouml;st er bei diesem nach einem ersten &uuml;berraschten, vielleicht ebenfalls erschreckten Erstaunen &uuml;ber dieses unerwartete Intermezzo wie von selbst einen Reflexionsprozess aus. Bei ihm unterzieht der Mensch seine im Spiegel verschwimmende und undeutlich werdende Person einer im Gegenzug umso st&auml;rker und sch&auml;rfer ausfallenden Bewusstseinspr&uuml;fung. Bei ihr steht nicht mehr die reine K&ouml;rperwahrnehmung auf dem Spiel &bdquo;Bin ich sch&ouml;n?&ldquo; &ndash; sondern das Ganze der Identit&auml;t &bdquo;Wer bin ich?&ldquo;.\u2028\u2028<\/p>\n<p>\tDiese philosophische Frage von gro&szlig;er Tragweite zieht sich im Grunde wie ein rotes Band durch alle Werke der K&uuml;nstlerin. Ein Spiegel ist auch Teil ihrer in Salder ausgestellten &bdquo;Glamour Box&ldquo; (2010). Er besetzt den Innendeckel einer kleinen, &auml;u&szlig;erlich schlichten Holzkiste und zeigt als Widerschein zweimal das perspektivisch verzerrte Wort Glamour. Es ist sowohl in Rot und Schreibschrift als auch in Gold und Blockbuchstaben mit nicht fixierten Glimmerpigmenten auf Boden und Seitenw&auml;nde der Kiste aufgebracht. Beide Worte sind gegeneinander gesetzt und lesen sich im Spiegel noch einmal seitenverkehrt. In spielerischer und unangestrengter Weise inszeniert die K&uuml;nstlerin durch den auf diese Weise mehrfach gespiegelten Auftritt der Worte eine Art Wahrheitssuche. Was ist richtig, was ist falsch? Nicht nur der Spiegel, sondern auch das Wort Glamour ist mit Vorbedacht gew&auml;hlt. Die Selbstbespieglung des Objekts m&uuml;ndet in selbst referentieller Weise in die Eitelkeit der Mode. Wie in fr&uuml;heren Zeiten Reisealt&auml;re kann man auch diese kleine Kiste mit sich herumtragen. W&auml;hrend die mobilen Alt&auml;re dazu dienten, die Menschen in ihrem Glauben zu st&auml;rken und zu Gott zu f&uuml;hren, f&uuml;hrt Smiateks kleine Kiste durch eine paradoxe Intervention ihren Besitzer zu sich selbst. Sie ist ihm dabei behilflich, Sein und Schein zu unterscheiden und wesentlich zu werden. Denn der Transport l&auml;sst die Pigmente herunter rieseln und die Worte undeutlich werden. Der Glamour bl&auml;ttert buchst&auml;blich ab. Er, den wir oft genug anbeten und verehren, ist in der Regel nicht weniger ephemer und kurzlebig als die Mode, der wir ebenfalls nur allzu gerne folgen.\u2028\u2028<\/p>\n<p>\tMit den glamour&ouml;sen Angeboten der Mode operiert auch die etwas &auml;ltere Arbeit &bdquo;Skyline &ndash; Indiana Rouge, Champagne Ros&eacute;, Caramel Pink, Passion Red&ldquo; (2006). Ihr Untertitel nennt verschiedene Lippenstiftfarben. Die Lippenstifte selbst, aus Silikon gefertigt, dr&auml;ngen sich wie eine Versammlung unterschiedlich gro&szlig;er Hochh&auml;user auf einer Holzplatte zusammen. Unterhalb der Platte ist einmal mehr ein Spiegel angebracht, auf dem seitenverkehrt und gleichfalls in verschiedenen Rott&ouml;nen die St&auml;dtenamen Paris, Z&uuml;rich, London und Berlin als Modezentren stehen, die mittels eines weiteren Spiegels richtig zu lesen sind. Auch hier fangen die Lippenstifte an zu zittern, sobald ein Betrachter sich n&auml;hert. Der Eindruck ist stark, die mit ihm verbundenen Assoziationen vielf&auml;ltig. Man denkt an Erdbeben und einst&uuml;rzende H&auml;user, aber auch an sich &ouml;ffnende und vor Begehren zitternde, weibliche M&uuml;nder. Zugleich haben die Lippenstifte aber auch stark phallische und aggressive Z&uuml;ge, was bereits in der Vergangenheit die Pop Art wiederholt, wenn auch eher plakativ, heraus gestellt hat. Beispielsweise die Bilder von Robert Indiana (geb. 1928) oder die Skulpturen von Claes Oldenburg (geb.1929). Johanna Smiateks Werk gewinnt eine zus&auml;tzliche Dimension durch seine Vermischung der Sph&auml;ren. Nicht nur das M&auml;nnliche und Weibliche durchdringen sich in ihm, sondern ebenso das Starke und Schwache wie das Zeitliche und Ewige. Begriffe und Vorstellungen schlagen um in ihr Gegenteil, verlieren ihre Eindimensionalit&auml;t und werden schillernd und vieldeutig.\u2028<\/p>\n<p>&copy; Michael Stoeber<br \/>\n\tAugust 2012<\/p>\n<p align=\"right\"><a href=\"#top\">nach oben<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<\/p>\n<p><a name=\"top\"> <\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#gisbourne\"><strong>MARK GISBOURNE<\/strong>: Ruhelosigkeit und der Humor des Begehrens (Die tragikomische Dingwelt der Johanna Smiatek), August 2008<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#stoeber\"><strong>MICHAEL STOEBER<\/strong>: Wer bin ich?<\/a><\/p>\n<p><span class=\"ellipsis\">&hellip;<\/span><\/p>\n<div class=\"read-more\"><a href=\"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/texte\/\">Weiterlesen \u203a<\/a><\/div>\n<p><!-- end of .read-more --><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"open","template":"full-width-page.php","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/20"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20"}],"version-history":[{"count":38,"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/20\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1152,"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/20\/revisions\/1152"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.johannasmiatek.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}